Die Ankunft in Argentinien

Mit im Verhältnis zu privaten Reisen außergewöhnlich viel Gepäck bin ich am
26.2.2013 in Bremen aufgebrochen, um zum IAA, dem Instituto Antártico
Argentino, nach Buenos Aires zu reisen. Mit dabei hatte ich eine große
Zarges-Kiste (80 x 60 x 40 cm³), einen Seesack mit Polarkleidung, meinen
privaten Koffer und noch einen großen Rucksack als Handgepäck. In diesem
befand sich auch das wertvollste Ausrüstungsstück: ein neuer GNSS-Receiver
von Trimble. Diesen auf die Forschungsstation San Martin zu bringen und zu
installieren ist eine der Hauptaufgaben der anstehenden Expedition. In der
großen Kiste befanden sich ein Radom für eine GNSS-Antenne, Geräte um
Meeres-Pegel auszulesen, eine neue Speichereinheit für die Pegelmessungen,
Werkzeug um Stecker an ein Antennenkabel zu befestigen, Kabel, Adapter,
Hausschuhe usw usf. In der Summe überstieg der Wert, den ich mitnehmen
wollte, die Zoll-Freigrenze. Also brauchte ich für das Equiptment ein…?
richtig! Jeder kennt es: das Ausfuhrbegleitdokument. Dafür meldet man die
geplante Ausfuhr im Vorfeld beim deutschen Zoll an und vereinbart einen
Termin zur Beschau und Nämlichkeitssicherung der auszuführenden Waren. Das
heißt im Wesentlichen, dass überprüft wird, ob das was man angibt
auszuführen auch tatsächlich ausgeführt wird. Also erstellte ich eine
Frachtliste mit den einzelnen Positionen, deren Gewicht, Größe und
Geldwert. Diese wurde von einem netten Kollegen
des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) elektronisch an den Zoll gesendet und
ein Termin zur Zollbeschau vereinbart. Mir blieb am Freitag vor meiner
Abreise in Bremerhaven nur noch das zweistündige Warten auf den
Zollbeamten. Der dafür zuständige Mitarbeiter vom AWI wies mich aber schon
im Vorhinein darauf hin, dass es auch gut sein könne, das kein Zollbeamte
kommt. Und so war es auch. Ich habe die entsprechenden Dokumente per Email
erhalten und hatte ohne großen Aufwand die erste Zoll-Hürde genommen.
Die zweite war noch viel kleiner. Mit den Dokumenten wandte ich mich kurz
vor dem Abflug in Bremen an die Zollstelle im Flughafen. Aber auch hier
wurde mir einfach geglaubt. Die Ausrüstungsgegenstände wurden nicht
begutachtet, das Ausfuhrbegleitdokument wurde in einer Version einbehalten
und gescannt.
Viel spannender sollte aber die Einfuhr in Argentinien werden…
Doch zunächst noch ein heißer Tipp für Langstrecken-Flüge mit der
Lufthansa: Ein idealer Sitzplatz in einer Boing 747 in der Economy-Klasse
ist der Platz 54B bzw. sein Äquivalent auf der entgegengesetzten Seite.
Denn hier hinten verjüngt sich der Flugzeugrumpf und an den Außenseiten
passen nicht mehr drei sondern nur noch zwei Sitze nebeneinander. Somit ist
der „B-Platz“, der sich sonst zwischen A und C befindet, plötzlich ein
Außenplatz am Fenster mit sehr viel Freiraum zum Fenster hin, wo man ganz
hervorragend sein Handgepäck verstauen kann. Neben mir saß ein Chinese, der
seit 40 Jahren in Nord-Norwegen wohnt und nun nach Chile flog, um dort
Maschinen für den Bergbau zu verkaufen. Gelebte Globalisierung.
Sehr pünktlich landete ich in Buenos Aires Ezeiza. Vor der Passkontrolle
musste man nur rund 30 Minuten warten, das Gepäck fuhr teilweise schon auf
dem Band im Kreis und tatsächlich kamen alle drei aufgegebenen Gepäckstücke
an. Und dann Begann die bisher spannendste Zollerfahrug meines Lebens. Als
Hintergrundinformation sollte man wissen, dass Argentinien äußerst strikte
Zollbestimmungen hat, was zu sehr genauen und damit langwierigen Kontrollen
führt. Die Mitarbeiter am AWI warnten mich vor, dass ich mich auf
stundenlange Kontrollen und Diskussionen einstellen sollte. Meine
„Vorgängerin“ bei der Kampagne im Jahre 2009 brauchte insgesamt
zwei Tage, um alle Ausrüstungsgegenstände durch den Zoll zu bekommen. Ich
fühlte mich aber etwas besser vorbereitet, da ich dank der Erfahrung in
2009, nun ein Schreiben des Direktors des IAAs hatte, in dem um die
Ausrüstungsgegenstände gebeten wurde.

Scheinbar war meine Maschine aus Frankfurt nicht die einzige, die an diesem
Vormittag in Buenos Aires ankam. So kam es, dass sehr viele Menschen
gleichzeitig durch die Zollkontrolle wollten. Fast jeder hatte einen
Gepäckwagen mit mindestens 2 Koffern oder Taschen dabei. Die
metallisch-menschliche wartende Masse verdichtete sich immer mehr, es wurde
unglaublich heiß und die Stimmung schwankte zwischen sarkastischen
Kommentaren, Wut und Resignation. Nach ungefähr einer Stunde anstehen
begann sich die Lage weiter anzuspannen und es wurde laut gerufen
(„Los, vorwärts!“, „Lasst uns gehen“), geklatscht und an Säulen/Wände
geklopft. Nach ziemlich genau zwei Stunden war ich an der Reihe und
stellte alle Gepäckstücke auf ein Rollband, welches in ein
Röntgengerät führte.
Der Zollbeamte bat mich, die Zarges-Kiste zu öffnen und ich erklärte
sofort, dass es sich um wissenschaftliche Ausrüstung auf dem Transit
in die Antarktis handle. Außerdem präsentierte ich das Schreiben vom
Direktor des IAAs. Dieses sowie die rufende und wartende Menge
reichte, um die Kontrolle extrem zu verkürzen. Ich wurde angewiesen,
den Bereich schnell zu verlassen, packte meine Sachen und war
erfolgreich und ohne Verluste in Argentinien eingereist.